Mauerfall oder Mauerumbau ? 

Was seit 1989 wirklich passiert ist

„Aber nein, damit wollte ich nichts zu tun haben. Natürlich lief der Fernseher und mit Grausen betrachtete ich das Treiben, das da gezeigt wurde. Tausende Menschen quetschten sich durch die Grenzübergänge in den Westen und feierten ihre Freiheit. Schön, ich freute mich für sie, war aber skeptisch, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf mein Leben und das meiner Freunde in Westberlin haben würde. ....In den letzten zehn Jahren hatte ich mir eine Welt aufgebaut, die sich jenseits der Gesellschaft abspielte. Ich ver-
brachte meine Nächte im Schutz irgendeines Hinterzimmers in einem der Szenelokale und der morgendliche Wiedereintritt in das „wahre Leben“ der Stadt war für mich immer ein Alptraum gewesen. Sobald ich im Morgengrauen die Straße betrat, sah ich mich mit einer von Grund auf anders denkenden Bevölkerung konfrontiert.....Es schien bewiesen, daß es nicht zwingend nötig war, sich mit den Normal-
bürgern abzugeben, geschweige denn, dieselbe Art von Karriere einschlagen zu wollen. Jetzt sollte sich die Zahl derer also schlag-
artig erhöhen, die stolz deklarierten „Fußball ist unser Leben“, und 
wo Ficken, Fressen, Fernsehen ohne jede Ironie das Glück des klei-
nen Mannes bedeutete. Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstel-
len.“   ( Alexander Hacke in „Krach“, S. 129)
 
 

Die Nacht des Endes

Die Nacht der Berliner Grenzöffnung bekam ich am Übergang Ober-
baumbrücke in Kreuzberg  mit. Zu dieser Zeit wohnte ich in Kreuz-
berg in der Skalitzerstrasse am Schlesischen Tor in einer Parterre-
wohnung mit Fenstern zur Strasse hin, ein paar Meter weiter war Berlin durch die Spree geteilt. Ich war vom Dreh für einen Experi-
mentalfilm nach Hause gekommen, kaufte mir noch ein Getränk am Imbiss, als ein Stehgast erzählte, daß die drüben die Mauer auf-
machen. Eine Nachricht, die nur Geplapper sein konnte, dachte ich wunschgemäß. Ich ging deshalb unaufgeregt nach Hause und schal-
tete das Fernsehgerät ein, um zu prüfen, was es mit den Imbiss-
News auf sich hatte. Als mir bald klar wurde, daß die Grenze tat-
sächlich geöffnet worden war, entschloß ich mich zu einem "Ab-
stecher" an die unweit meiner Wohnung gelegene Grenzübergangs-
stelle Oberbaumbrücke, während mein intuitiver Algorithmus mir unentwegt sagte: DDR-Bürger, die Maueröffnung gewählt haben wählen meist auch CDU und Wiedervereinigung.
Als ich die Oberbaumbrücke erreichte, strömten Menschen ihrer Neugier hinterher und an mir vorbei.  In ihrer drängenden Masse wirkten sie wie Überdruck, den man aus einem Kessel gelassen hatte und der nun rasant austritt. Manche der Glücklichen trafen auf die offenen Arme der Freunde aus Westberlin. Eine unglaubliche Erleich-
terung paarte sich bei vielen mit dem Unglauben daran, daß es tat-
sächlich wahr sein würde. Und daß die jahrzehntelange imaginäre Wirklichkeit aus dem Fernsehen und mitgebracht von den Verwandten „drüben“ jetzt tatsächlich real geworden war. Aber eben doch so un-
glaublich, daß sie sich offenbar zunächst mehr als Traum denn als Realität anfühlte.

Ich konnte dieses grosse Gefühl von Befreiung von der Kasernierung nachvollziehen, wünschte aber, daß es nur ein Traum war, der als Realität irgendwie anders wiederauftaucht als durch die Überflutung Westberlins grösstenteils mit Menschen, die ich zu weiten Teilen immer verachtet hatte und es auch jetzt noch tat. Sich von Stalin und Honecker zu befreien bedeutet zunächst einmal noch gar nichts, da dies aufgrund der völligen Unterirdischkeit dieser Personen und ihrer Politik gewissermaßen Pflicht gegenüber der eigenen Lebenswürde ist. Ich war mir aber sicher, daß sie grösstenteils noch dieselben sein würden, nur das jetzt ihr Schrebergarten-Traum vom besseren Leben endlich Realität wurde, nachdem er vom Realsozialismus nur noch mit den alten Gartenzwergen angefüllt, aber nicht mit fruchtbarer Vege-
tation erfüllt werden konnte.Natürlich war ihre Verachtung gegen-
über der diktatorischen Macht echt, aber es gehörte angesichts der so offensichtlichen Marodität dieser Macht nicht viel dazu, sich auf die Seite der aktuellen geschichtlichen Triebkräfte zu stellen, nachdem man sowieso schon immer und regelmässig über fehlende Südfrüchte geschafmeckert und gekuhmuht hatte und jetzt die Stunde gekom-
men war, sie nicht länger entbehren zu müssen, da der elektrische Zaun ein Loch bekommen hatte und die schmerzhaft abschreckende Spannung dadurch mit einem Male überall erloschen war.

In seinem Buch „Wie wir uns von Theoreien täuschen lassen“ schreibt Walter Krämer auf Seite 94 über die 1990 stattgefundene freie Volks-
kammerwahl der Noch-DDR:“ Vor der Wahl hatte die SPD in allen Um-
fragen eine große Mehrheit, hinterher aber nur halb so viele Stimmen wie die CDU. Das lag daran, dass die damalige Vorliebe der Medien für die SPD für keinen DDR-Bürger zu übersehen war.  Und da sagt man eben, nach der Wahlabsicht befragt, um des lieben Friedens willen, was der Befrager vermutlich hört.“ 

Offensichtlich hatte die sogenannte Wende also gar nicht stattge-
funden. Denn unter Wende in dem Sinne, wie er seit Mauerfall den Zentral-Terminus der ostdeutschen Befreiung bestimmt, verstehe ich eine unabhängig von den jeweiligen realpolitischen Veränderungen stattfindende radikale Wendung im eigenen Umgang mit der Realität. Wende ist vor allem eine des Bewußtseins, ganz unabhängig von den Realitäten, gegen  welches sich dieses Bewußtsein wendet. Eine Wende vom Totalitarismus zur Freiheit bedeutet nicht eine Wende vom Realsozialismus zum Kapitalismus, sondern von der Hörigkeit zur Offenheit, der passiven Akzeptanz zur Kultur der Hinterfragung. Die äußere Negation einer bestimmten veralteten Konstellation ist noch lange nicht synchron mit der inneren Position zu etwas wirklich Neuem. Sie ist, genau genommen, überhaupt nichts.

Ich konnte berechtigterweise  annehmen, daß aus realsozialistischen Kleinbürgern -nachdem Michael Gorbatschows Glasnost, DDR-Ausrei-
seund Fluchtwellen und in Massenprotesten gipfelnder, jahrelanger subkultureller Widerstandskeim die Tür zur Befreiung von der alten Ordnung geöffnet hatten - jetzt eben grösstenteils Konsum-Kleinbür-
ger des kapitalistischen Wachstumsmodells werden würden. Ich halte eine solche Änderung nicht für revolutionär und Zeichen einer Wende, sondern nur für eine Quantitätssteigerung der ursprünglichen Orien-
tierungen, welche nun in historisch längst überfälliger Weise die ro-
stig gewordenen Fesseln zerrissen hatte, von denen man sich jahr-
zentelang hatte einreden lassen müssen, sie seien silberne Armrei-
fen. Zuletzt hatte man diese Zerreißung am 17.Juni 1953 versucht, aber damals siegte das von sowjetischen Panzern durchgesetzte Primat der Erhaltung des gerademal ein paar Jahre alten militärischen Gleichgewichts zwischen den beiden Weltsystemen Kapitalismus und Kommunismus. Ob der 17.Juni, nur weil er sich gegen die östlichen Machthaber richtete, tatsächlich ein Kampf für echte Freiheit und nicht bloß eine für die Befreiung vom russisch implantierten Wirt-
schaftssystem  war, hat nie jemand gefragt. Letztlich stellten die Unruhen eskalierte Streiks für die Rücknahme der Arbeitsnormer-
höhungen dar. Als diese Normerhöhungen daraufhin zurückgenommen worden waren erweiterten sich die Streikziele von rein wirtschaft-
lichen auf politische in Form von freien und geheimen Wahlen in ganz Deutschland. Der Westberliner Radiosender RIAS agierte dabei ge- wissermaßen als das Facebook der damaligen Zeit und so sehr die realsozialistische Reaktion ihn als Hort der vom Ausland betriebenen Konterrevolution disqualifizierte, so notwendig war doch seine infor-
mierende, inspirierende und teilweise auch koordinierende Tätigkeit in Zeiten, als es in der Bevölkerung noch keinerlei Technik zur schnellen Informationsverbreitung gab. 

Da die Ideologen des Nachkriegssozialismus ihren mitiltärstrategisch implantierten Retortensozialismus als Revolution verstanden , konnte jede negative Reaktion darauf dann natürlich nicht anders denn als Konterrevolution verstanden werden. Es handelt sich in dieser sprach-
lich erzeugten Suggestion um ein Paradebeispiel totalitärer Rhetorik, wie sie in George Orwells Roman „!984“ so prägnant geschildert wird.
36 Jahre später gab es erneut eine Revolte gegen Normerhöhung, nur daß die Normerhöhnung diesmal darin bestand, dem alten Regime angesichts seiner zunehmenden Legitimationsverluste -diese Verluste ausgleichend- einen noch höhere Glaubwürdigkeitskredit zu geben als seit Beginn seiner Existenz. Da der Kredit nicht gegeben wurde und stattdessen die Zinsen der auf die in den Jahren angewachsenen Glaubwürdigkeitsschulden immer mehr stiegen, half man einfach mit Wahlergebnis-Fäschungen nach.

Doch anders als 1953 ging die Rechnung diesmal nicht auf und das aus einem ganz einfachen Grund: Diejenigen, die dieses System erst auf deutschem Boden implantiert und es 1953 gegen deren Gegner mit gepanzertem Ausnahmezustand verteidigt hatten ließen die Mil-
lionen ihrer deutschen Kollaborateure einfach im Stich, weil ihr Re-
gierungsführer Gorbatschow zumindest offiziell einen Reformsozia-
lismus anstrebte, der mit den totaltär-konservativen Kräften nicht zu machen war. Inoffiziell handelte es sich eher um die in radikalrefor-
merische Aufbruchstimmung verpackte Abwendung des totalen Zu-
sammenbruchs des Kommunismus, der aber dann trotzdem erfolgte  und innerhalb weniger Jahre durch den – ihm in punkto totalitärer  Machtkonzentration ebenbürtigen -imperialistischen Oligarchismus ersetzt wurde.

Der Doppelumsturz

Nach dem Ende der alten osteuropäischen Führungsparteien folgte das Ende von Glasnost. Der Fall der Mauer war letztlich nicht auf-
zuhalten. Aber man hätte die Reisefreiheit auch ohne Mauerfall gewährleisten können. Für das ursprünglich artikulierte "Wir wollen ja nur mal gucken, wir kommen ja wieder" hätte es auch gereicht, die Grenzübergänge nun jederzeit für DDR-Bürger passierbar zu machen. Das SED-Regime wußte aber seit Jahrzehnten, daß „mal gucken“ auf „mal irgendwann auch haben wollen“ hinauslaufen würde und hatte genau danach seine rigide Praxis ausgerichtet, die jeden Keim dieser von ihr vorausgesehenen Entwicklung ersticken sollte. 

Es war ja klar, daß die DDR-Bürger die jahrzehntelang existierende Unmöglichkeit, ihre eigene - durch die Reiseunfreiheit erst zur Ge-
fängnismauer  gewordenen- Mauer nicht zerstören zu können, sie, sobald sie Gelegenheit dazu bekommen würden,  dann von der Westseite aus zu Fall bringen würden. Und so nahm die Zerstörung ihren Lauf. Das Weghämmern der Berliner Mauer bedeutete auch ein Weghämmern von Glasnost, denn die Existenz des Real-Sozialismus und seiner auch gegen unkontrolliert hereinströmende äußere wirt-
schaftliche Einflüsse schützenden Grenzen war ja die Voraussetzung, um eine innerkommunistische Erneuerung überhaupt beginnen zu können. Dabei schien das Projekt Glasnost mit seiner vermeintlichen progressiven Erneuerungswillen das Zeug dazu zu haben, teilweise auch die ebenfalls ranzige und von Bonzen dominierte kapitalistische Welt mitzunehmen, zum Beispiel in der Weise, daß man eine freie, unkommerzialisierte Diskurskultur jenseits der Konsum- und Ideo-
logiewelten entwickelt und die Frage nach dem, was das gute Leben ist, neu stellt. 

Wären echte Reformen, Glasnost und dritter Weg nicht, wenn über-
haupt, dann im Schutze der Mauer und ohne den nun tatsächlich grenzen-losen invasiven Einfluss westdeutscher Geschäftemacher und Lebenskommerzialisierer anvisierbar gewesen?  So aber flutete der Tsunami, der zunächst als Befreiungs- und Neugierstrom von Ost nach West strömte, nun als Kommerzstrom zurück nach Ostdeutsch-
land und Osteuropa, schwemmte all die Goldgräber-Investoren, Geldnasen, Spekulanten und CDU-Priester mit und traf auf die mei-
stenteils -und verständlicherweise- blinde Euphorie bürgerfreiheitlich und genussmittelmässig ausgehungerter Bevölkerungen. Man mußte noch nicht einmal- wie sonst bei kapitalistischen Verbrauchermassen- in punkto Werbung und Attraktivitätsmaximierung besonders trick-
reich sein, um dem Ossis den süssen Honig ums Maul zu schmieren, der selbst in seiner geschmacksarmen Form immer noch mehr Aroma hatte als all die Substanzen aus realsozialistischer Produktion.

Innerhalb weniger Monate entpuppte sich Gorbatschows reformso-
zialistische Glasnostrhetorik als Dosenöffner für die grosse west-
lich-konservative Konserve. Von der einstigen Ideen der Perestroika ist nichts übriggeblieben. Bereits wenige Jahre nach dem Zusammen-
bruch des Realsozialismus redete niemand mehr davon. 

Ende zweier Berg-Regionen

Ich persönlich mochte Kreuzberg in seiner Westberliner Version und insbesondere den Prenzlauer Berg in seiner Ostberliner Version viel mehr als das, was sie heute -und das letztlich durch die totale Aufhebung Ost-und Westberliner Besonderheiten- geworden sind.  Denn aus Berlin sollte ja planmässig  die Metropole eines wieder gross gewordenen Deutschlands werden, wozu dann noch die Ni-
schen-Oasen aus einer überholten Zeit des kalten Krieges in deut-
scher Teilung erhalten. Besonders der Prenzlauer Berg ist heute nicht mehr wiederzuerkennen und von sogenannter Gentrifizierung vermit-
tels hipper Kommerzialisierungen völlig geprägt. Ende der einstma-
ligen Poesie so mancher Hinterhöfe und Plätze. Stattdessen ein Oscar Wilde-Zitat über dem hippen Sofa der Designer-Wohnung Nähe der Schönhauser Allee. Hätte man diesen Bezirk angesichts der offenbar unuasweichlichen Wiedervereinigung  sich nicht zu einer vom Staat gegen Investoren, Hippdesigner und Spekulanten geschützten Re-
gion künstlerisch und gesellschaftlicher Visionäre entwickeln lassen können, die als originärer Ort langjährigen ostdeutschen Diktaturwi-
derstandes auch für das wiedervereinigte Deutschland als Impulsge-
ber ernstgenommen werden könnten ? 

Im anderen der beiden von mir gemochten Bergbezirke, in Kreuzberg dauerte diese Entwicklung deutlich länger, aber ist jetzt, während  ich diese Zeilen schreibe, weit fortgeschritten. Der Bezirk hat seinen Punk vollständig verloren. Aus einem Territorium des anti-spartani-
schen Nichtkonsumismus, in dem das Wort "Reichtum" noch auf mehr verwies als die dünne Bedeutung des wirtschaftlichen Aspekts ist ein alternativ angehauchter Dienstleistungsbezirk geworden, aus dem die frühere Atmosphäre des Nebeneinanders von einfachen Berlinern, Türken, Punks und Linksalternativen verschwunden ist und die Räume des Nichts, des Un-Sinns und der ideenprovozierenden Phasen von Langeweile verschwunden sind, weil die gestiegenen Mieten jeden einstmaligen Freiraum -den realen und den des Geistes- gezwungen hat, ökonomischer Nutzraum zu werden

Eine Art wahre Vereinigung 

Während nach dem Mauerfall Kreuzbergs Verfall zur Alternativ-
Konsumbezirk sowieso noch Jahre dauerte, erlebte der Prenzlauer Berg, bevor er durch seine einsetzende "Hippnes" völlig herunter-
kommen sollte neben einigen anderen Berliner Bezirken nach 1989 zunächst eine Blütezeit von Vereinigungs-Zeremonien. Im Schatten der grossen deutschen Einheit bildeten sich unter den für anarchoide, kostengeringe Experimente äussert günstigen Umständen des östli-
chen Umbruchs-Chaos lauter kleine Mikrowelten . Ostberliner Häuser wurden besetzt, Techno- und andere Underground- Clubs schossen dort wie Pilze aus dem Boden. Ohne den Mauerfall wäre Techno heute vermutlich nicht zum Hipp-Garanten und Mainstream-Standard für coole Kneipenbeschallung degeneriert, sondern hätte sich vielleicht als Nischenphänomen einer bestimmten westlichen Subkultur  bald wieder verflüchtigt und in kleinen Minoritäten-Milieus erhalten .So aber eroberte er mit seinem simplen Körper-Rhytmus, der egozen-
trischen Spaß-Attitude und der Magie seiner synthetischen Sounds  schnell grosse Teile der Jugend und machte damit wie auch die da-
malige Piercing- und Tatoo-Kultur  die übliche Entwicklung vom kul-
tursprengenden „puren Wahnsinn“ in die spätere  Vulgarisierung zur Massenunterhaltung durch. 

Als die Mauer fiel, gab es  Acidhouse und Techno schon wenige Jahre in Westberlins Underground. Der fand nun in den leerstehenden Ge-
mäuern Ostberlins den Raum, den diese Musik brauchte, damit der Funke von der Westberliner Nische auf „die übrige Menschheit" über-
springen konnte. Angeregt durch  die Magie von rituell gleichför-
mig wummernden Rhytmen, synthetischen Sounds, lichtrhytmisch zerhackten Nebelschwaden und grossflächig an die Wände projizierter Computer-Choreographien beamten sich die vom realsozialistischen Starrsinn befreiten Ostjugendlichen zusammen mit den von ihrer räumlichen Enge befreiten Westberlinern lieber gleich auf einen anderen Stern, statt sich die anarchoide Dynamik der angebrochenen Freiheit vom durchkonventionalisierten Wiedervereinigungsrealismus  rationalisieren, also letztlich wieder nehmen zu lassen. In den täg-
lich neu entstehenden, manchmal sogar nur für eine Nacht existie-
renden Clubs fand echte Verschmelzung und Vereinigung statt, am allerwenigsten als nationale wie die deutsche Wiedervereinigung,  sondern zunehmend als internationale. Es war dabei völlig gleich-
gültig, ob jemand ursprünglich aus Zeitz oder Braunschweig, Detroit oder Warschau kam, unter dem  magischen Rhythmus und Sound verloren sie -im Gegensatz zu Deutschland, das nun zu seiner, vom
Sowjet-Kommunismus eingefrorenen alten Identität zurückkehrte- ihre alten Identitätsgesichter und vereinigten sich in kollektiven Ekstasen. Statt mit Nationalgefühl berauschten sie sich mit Drogen und modernen archaischen Rhytmen.

Damit  ließen sich gleichzeitig auch die beunruhigenden und die unwillkommenen  Aspekte der Wiedervereinigung vergessen.

Die neue Mauer

Zur selben Zeit, als diese Menschen ihren naiven Traum von ma-
gisch-friedlicher „Welteroberung“ lebten und mit ihrer bewußt un-
politischen Haltung eine ganze Generation entpolitisierten, weil 
ihnen die Sprache ekstatisch-magischer Tänze viel radikaler erschien als diejenige der Realpolitik robbte sich der Neoliberalismus, nun befreit von den systemischen und geographischen Grenzen Osteu-
ropas still und heimlich zu seiner "friedlichen Revolution" vor, die nach dem Dammbruch des Sowjetsozialismus die eigentliche Wende darstellte und die Welt inzwischen massiv verändert hat. Der Zu-
sammenbruch des Realsozialismus war ein Meilenstein dieser Re-
volution. Nun barrierefrei aus dem vollen schöpfend, breitete sich der unter dem Kosenamen „freie Marktwirtschaft“ auftretende Kapitalis-
mus nun ungehemmt aus. Es bewahrheitete sich innerhalb kurzer Zeit, wie recht die Apologeten des Realsozialismus mit ihren Äus-
serungen über die Aggressivität des Kapitalismus gehabt hatten, obwohl das, was sie da immer gesagt hatten, immer als Phrase  dahergekommen war, die nurmehr die eigenen Bürger gehirnwaschen sollte.Sodaß die den teilweise wahren Gehalt hinter den Phrasen gar nicht wahrnahm und ihn entweder genauso dumpf, wie die Phrase war, teilte oder eben bloß für eine Phrase hielt. 

Ronald Reagans "Mr. Gorbatschow, open this gate!" war nichts weiter als der Versuch, die Mauer als die letzte und vehementeste Barriere für den Siegeszug des von Margret Thatcher und eben diesem Reagan angetriebenen Neoliberalismus einreissen zu lassen.

Mit der Grenzöffnung drängten nach und nach westliche Firmen in das vermöge niedriger Löhne billiger produzierende Osteuropa, umgedreht wanderten billige Arbeitskräfte aus Ost- nach Westeuropa und drück-
ten die westeuropäischen Löhne, aus erkämpften 35-Arbeitsstunden-
Wochen wurden wieder 40 und mehr, ein ohne Existenzvernichtungs-
drohung auskommender Sozialstaaat war angesichts des Wegfalls der sozialen Konkurrenzmodells Realsozialismus nicht mehr nötig und so realisierte man mit Agenda 2010 schließlich einen sozialstaatlichen Kurswechsel, der, hätte man ihn unmittelbar im  Zuge des Mauerfalls begonnen im Westen Deutschlands noch zu heftigeren Protesten ge-
führt hätte als dies ohnehin seit der Einführung der Hartz IV- Rege-
lung dann der Fall gewesen ist. Hartz IV ist ein gutes Beispiel dafür, wie nach der „Verwestlichung“ des Ostens der Westen „veröstlicht“ wurde. Transparenz und Kontrolle, das Maßnehmen des Individuums durch sogenannte Maßnahmen (ein in der DDR im Zusammenhang mit Sanktionierungen häufig verwendetes Wort), die oft keinen anderen Sinn haben als die Disziplinierung des Einzelnen zu einem - als heilig geltenden- Arbeitsethos, der angesichts technischer Entwicklungen zunehmend anachronistisch geworden ist. Die erhaltenen Sozialgelder werden als Leistungen bezeichnet, um daran zu erinnern, daß jedes  in der Leistungsgesellschaft jedes Geld auf Leistung beruht und durch diese gedeckt ist und es ohne Leistung daher auch kein Geld gibt. 
Eine Behauptung, die sowohl der Realität, daß die Technik inzwischen einen Großteil für die Gesellschaft leistet als auch der Tatsache völlig widerspricht, daß unter Menschen, die -z.B. durch erlangte Erbschaft- viel Geld besitzen,  für das ihnen zur Verfügung stehende Geld sehr wenig oder nichts leisten müssen, um sehr gut leben zu können. Es handelt sich bei diesem Begriff also um einen verbalen Betrugs-
versuch im genuin Orwellschen Sinne, der zur Vernebelung und besseren Unterwerfung derer eingeführt wurde, die auf monetäre Unterstützung zum Leben angewiesen sind, weil sie nicht arbeiten  wollen, was angesichts der technifizierten Überflußgesellschaft  legi-
tim ist. Die moderne kapitalistische Gesellschaft ist keine Leistungs- sondern eine Geldgesellschaft und Leistung eine der Wege, der zu
Geld führen kann, aber nicht zwangsläufig dazu führt.

Der Umbau der Gesellschaft

Der Neoliberalismus drängte die staatlichen Markt- Regulierungen,
welche er für überflüssig hält, da sich der markt angeblich ganz vonselbst reguliert, immer mehr zurück, riss sie ein. Die heftige Finanzkrise 2009 war sein Produkt. 

Die Globalisierung erzeugte vor allem Zugang der grossen Unter-
nehmen zu enormen Rendite-möglichkeiten auf der ganzen Welt. Im Sozialland Deutschland wurden Renten und staatliche Versicherungen privatisiert, staatlicher Besitz an Privatkäufer verscherbelt. Das Leben ökonomisierte sich rasant und inzwischen lässt sich längst vom öko-
nomischen Totalitarismus sprechen, der die hochkapitalistischen Länder prägt. Die Schere von "arm" und "reich" wuchs in den letzten beiden jahrzehnten enorm. Während die technischen Möglichkeiten für ein gutes Leben aller immer grösser werden, profitieren von die-
sen Möglichkeiten nur wenige, aber das ganz außerordentlich. Auch diese Entwicklung wäre ohne den Mauerfall so nie möglich geworden.
 

Der Umbau der Mauer

Die Mauer ist nicht zerstört, sondern nur verrückt worden. Wenn der "kommunistische" Osten damals unter den Industriegesellschaften für Mangel und der "freie" Westen für Reichtum stand, so hat sich diese einstmalige geographische Verortung nun von der äußeren Welt in die innere der Gesellschaften verlegt. Eine unüberwindliche Kluft liegt zwischen denen, die gerade so über-leben und denen, die im doppel-
ten Sinne  über-flüssig leben. Beide sind durch eine Art unsichtbare innergesellschaftliche Favela-Mauer voneinander getrennt. Angesichts der zunehmenden Verteuerung der Grundhaltungskosten (vor allem bei Wohnraum )für das Leben muß zunehmend mehr Arbeitszeit allein für die Notwendigkeiten des Lebens aufgebracht und häufig trotzdem noch von staatlichen Geldern „aufgestockt“ werden. Die Situation ist insofern „konterrevolutionär“, als sie zum Zeitalter der technischen Revolution mit seinen Segnungen überhaupt nicht mehr passt und deshalb auch mental viel schwerer zu akzeptieren ist als zu früh- oder vorindustriellen Zeiten.

Die Kluft zwischen den Armen und den Reichen stellt den neuen Todesstreifen dar, denn tödlich ist dieser Streifen allemal, wo er über Leben und Siechen entscheidet und zudem schon viele Tote auf der
ganzen Welt hinterlassen hat. 

Diesmal geht dieser Streifen mitten durch die Gesellschaft und sorgt dafür, daß man von einer der beiden Seiten niemals mehr auf die an-
dere kommt.

Aber vielleicht ist auch diese Mauer nur der Ausgangspunkt für eine Befreiung. Eine Befreiung, deren Richtung noch völlig offen ist. 

 


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