Ein weisser Strich an der Berliner Mauer
 

Entstehung des Vorhabens

Im Spätsommer 1986 hatte der seit Anfang 1985 in Westberlin lebende, aus 
Weimar stammende Jürgen Onißeit die Idee, die Westseite der Berliner Mauer rundherum mit einem weißen Strich zu versehen. Als bildender Künstler hatte Onißeit im Kreuzberger "Künstlerhaus Bethanien" Zugang zu Arbeitsräumen mit verschiedenen Druckmöglichkeiten und lernte dort andere Westberliner Künst-
ler kennen. In den mittleren 80er Jahren war die Berliner Mauer besonders in dem von mit Sprüchen Symbolen und Bildern reichhaltig besprühten  Hausfas-
saden Kreuzbergs zu einer Freifläche künstlerischen, politischen, im Grunde jeweden Ausdrucks geworden. So schreibt der Musiker Alexander Hacke: „Vom Fenster seines Zimmers im Rauch-Haus schaute er (der Streetart-Künstler Thierry Noir... d.Verf.) direkt auf die Mauer, die zu diesem Zeitpunkt (1982/83...d.Verf.) ausschließlich mit politischen Parolen beschriftet war. Eines Nachts, im April 1984, hatte er die im Nachhinein historische Eingebung, die deprimierende Zonengrenze mit bunten großflächigen Malereien zu dekorieren und er machte sich augenblicklich mit Pinsel, Farbeimer und einer Baulampe bewaffnet ans Werk. Ein weiterer französischer Künstler, Christophe Bouchet, der ebenfalls im Rauch-Haus wohnte, beteiligte sich gleich am nächsten Tag an Thierrys Arbeit und in kürzester Zeit hatten die beiden mehr als einen Kilometer der Kreuzberger Mauer am Bethanien grundiert und zu bemalen begonnen. Natürlich dauerte es nicht lange, bis auch Kiddy und ich bei dem Spaß mitmachten.“ (Alexander Hacke, „Krach“ S.82)

Jürgen Onißeit hatte Monate vor seiner Idee zur Strich-Aktion zusammen mit seinem Bruder selbst die Mauer mit einem Bild versehen, doch inzwischen stör-
te er sich an den Mauermalereien. Seine Absicht war es, den Konsens, der bei den Künstlern in seinem Umfeld über die kreative Nutzung der Berliner Mauer bestand, infrage zu stellen und letztlich zu negieren. Das künstlerexzentrisch motivierte Provozieren seiner Kollegen aus dem "Bethanien" dürfte dabei einer seiner primären Beweggründe für sein Vorhaben gewesen sein.

Das "Künstlerhaus Bethanien" befand sich in Kreuzberg direkt an der Berliner Mauer und war nur durch einen kleinen Weg von dieser getrennt. Für die
Zerstörung der Mauerkunst seiner Kollegen schien daher der ideale Startpunkt der Aktion des weissen Strichs der Mauerbereich vor dem "Bethanien" zu sein, weil sich dort auch zahlreiche der Malereien der Bethanienkünstler befanden und sich von dort aus nach beiden Richtungen der Mauer ausdehnten. Ein zweiter Beweggrund für den weißen Strich bestand darin, die städtischen Lebensraum-Grenzen Westberlins durch einen beabsichtigten weissen Grenz-
Strich zu verdeutlichen. Grenz-Strich sollte er nicht im Sinne der exakten, von den vier Siegermächten des 2.Weltkrieges festgelegten Berliner Sektoren- und später Teilungs-Grenze sein, welche sich fünf Meter vor der  Westseite der Mauer befand. Vielmehr sollte er jene dem Westberliner Einwohner durch den Berliner Mauerbau aufgezwungene reale physische Grenze deutlich markieren, weil nach J.Onißeits Auffassung diese Grenze aufgrund der Virtualisierung der Mauer durch  Bild- und andere Botschaften nicht mehr richtig bewußt gewesen ist. 
Die Markierung der Grenze würde deshalb mit einem demonstrativen Durch-
streichen der  Mauermalereien einhergehen und im Bewußtsein des Betrachters eine Art Re-Realiserung der Wirkung der Mauer hervorrufen, die durch die 
zahlreichen Bebilderungen gewissermaßen de-realsiert worden war. 

Wie dezidiert die Motivlage bei den anderen Beteiligten war spielt letztlich gar keine Rolle. Es reichte, die Idee mindestens akzeptabel zu finden und Lust auf solch eine Aktion zu haben. Alles, was heute an ernsthaften Beweggründen der einzelnen Teilnehmer und der Gruppe genannt wird ist teilweise vor allem in seinem Notwendigkeitsgestus völlig übertrieben, teilweise als damalige Motiv-
lage wahr, mitunter aber auch einfach hinzugefügt. 
Die ursprüngliche Provokations- und Aktions-Lust als Hauptmotiv geht dabei völlig unter und taucht dann allenfalls noch als Affekt-Stereotyp medial gene-
rierter Emotionaliserungsmuster wieder auf.
 


Künstlerhaus Bethanien. 1973 vom Krankenhaus zum Künstlerhaus umgestaltet.
                                                                                                         (Foto W.Hasch) 

Ghettowall um Berlin

"Berlin" bezeichnete für Westberliner damals Westberlin, wohingegen der Ostteil Berlins für Westberliner Ostberlin hieß. Wenn Jürgen Onißeit später in seiner an die Berliner Mauer geschriebene Aktionserklärung von Berlin spricht, das von der Mauer als eine Art "Ghettowall" umgeben ist, so verstand er die Bedeutung des Begriffs "Ghettowall" hier kaum in einer politischen Ghettoi-
sierung, wie sie zum Beispiel im Begriff des Warschauer Ghettos signifikant ist. Jürgen Onißeit hatte als Punk mit dieser Ghettometapher eher die mit Graffitis und Sprüchen besprühten Wohnghettos der Trabantenstädte im Fokus als eine traditionell politische Metapher. Berlin war für ihn ein ummauertes riesiges Wohnstadtghetto, dessen reale Situation der Eingrenzung durch die Bebilderung seiner Stadtmauern verharmlost, harmonisiert und illusioniert wurde. Die Realität der Begrenzung wurde de-realisiert, indem sie sur-realsiert wurde und der künstlerische Exotismus der Mauermalereien täuschte über das ganz und gar Unexotische der tatsächlichen Situation hinweg. Dieser Sach-
verhalt sollte durch den gezogenen Strich in das Bewußtsein der (West-)
Berliner Bewohner gelangen und das nicht über die Medien, sondern direkt am Stein des Anstoßes: der Berliner Mauer.

Nachdem die Idee zu dieser Strich-Aktion geboren war unterbreitete Jürgen Onißeit sie in der unmittelbaren Folgezeit seinen Freunden und Bekannten, um Teilnehmer dafür zu gewinnen. Ein kleiner Teil der Eingeweihten verbreitete die Idee weiter, um ebenfalls Teilnehmer dafür zu gewinnen. Mitmachen konnte jeder, egal welcher Herkunft, denn es ging bei diesem zeit- und materialinten-
siven Vorhaben darum, daß möglichst viele Personen  sich an der Aktion beteiligten. Ob er sich als Künstler verstand oder nicht, in West- oder Ost-
deutschland aufgewachsen oder ob er überhaupt Deutscher war hatte bei der Erwägung über potentielle Mitmacher keine Bedeutung. 

Am Ende fanden sich neben Initiator Jürgen Onißeit vier weitere Teilnehmer.
Allesamt Personen aus Onißeits unmittelbarem Umfeld, zu dem insgesamt etwa 15 Personen gehörten. Lutz Heyler (Ex-Ostberlin), Knut Angermann (Ex-
Kassel), Wolfgang Dietrich (Ex-Bayern), Volker Otto (Ex-Weimar), Grit Ferber (Ex-Weimar), Alwin Derfuß (Ex-Nürnberg), Pia Lazarewski (Ex-Kassel), Jan-
Georg Fischer (Ex-Weimar)  waren  neben den späteren Mauerstrich-Malern
einige der Freunde Onißeits aus dieser Zeit, von denen einige wiederum selbst miteinander befreundet waren oder sich kannten. Daß sich am Ende dann mit Onißeits Bruder Thomas sowie seinen Freunden Frank Schuster, Wolfram Hasch und Frank Willmann vier ehemalige Weimarer zur Teilnahme an der Aktion fanden lag weder daran, daß sie alle aus der DDR und zudem aus der gleichen Stadt (Weimar) kamen noch daß sie angeblich eine Künstlergruppe bildeten, wie Frank Willmann später öffentlich erklärte, sondern vielmehr daran,  daß alle als Schüler der "Schule für Erwachsenenbildung" in dem anvisierten Aktions-
zeitraum Herbst-Ferien und zudem durch die Bafög-Zuschüsse für ehemalige DDR-Bürger auch noch die nötigen Geldmittel zum Kauf der reichlich benötigten weißen Farbe besaßen. Die anderen der angesprochenen Teilnehmer hatten entweder das Geld  nichtmal für einen kleinen Zuschuss zu den Farbe-Kosten oder die Zeit nicht oder aber waren von der Idee zu wenig angetan, daß der erforderliche hohe persönliche Einsatz damit nicht ausreichend zu motivieren war. Hinzu kam auch ein gewisses Risiko bezüglich möglicher Zwischenfälle mit den Grenzposten der DDR, welche anders als bei aus der optischen Mauerdek-
kung operierenden und nur eine vergleichsweise kleine Mauerfläche bemalen-
den Malern und Aktionskünstlern zu erwarten waren. Die Strich-Aktion würde mindestens zwei Wochen dauern, mußte, da die gesamte Mauer bemalt werden sollte auch MauerStrecken passieren, die den Grenzposten von ihren Wach
türmen nach Westberlin einsehbar waren und bot diesen zudem Zugriffsmög-
lichkeiten an potentiell jedem Punkt der Westseite der Berliner Mauer, da die Malaktion an der gesamten Länge der Mauer-Westseite auf dem noch zur 
DDR gehörenden 5-Meterstreifen stattfinden würde. 

Am Ende hatten sich inklusive des Initiators fünf Teilnehmer gefunden, deren Herkunft und Jugend-Biographien teilweise eine Ähnlichkeit aufwiesen, die von den Medien 1986 und vor allem 2010 dann ideal für eine Mythenbildung ver-
arbeitet werden konnte. Alle fünf kamen aus Weimar und hatten dort Anfang der 80er Jahre  zu einer kleinen Subkultur aus anarchoid motivierten Normver-
weigerern  gehört, durch die sie sich seitdem kannten. Drei von ihnen (die Brüder Onißeits und ich) waren in der DDR aus jeweils unterschiedlichen Gründen politisch inhaftiert worden. In Westberlin hatten sie innerhalb des weiter oben erwähnten grösseren Personenkreises Kontakt, davon einige miteinander sogar intensiven. Eine Künstlergruppe bildeten sie jedoch nicht.

Die Teilnehmer:

Jürgen Onißeit, geboren 1962, mußte eine Lehre als Elektroniker wegen Prob-
lemen mit den Ausbildern abbrechen und arbeitete später im Archiv einer Weimarer Bibliothek. Seit ca 1981 Mitglied einer Punkband, vorher Hardrock-
Musiker. 1982 wegen Wehrdienstverweigerung zu  20 Monaten verurteilt wurde er nach 7 Monaten auf Bewährung entlassen. Als bildender Künstler malte er und fertigte zahlreiche Holzschnitte. Nebenher wurde er als sogenannter
Vorlauf-IM im Testmodus als MfS-Informant abgeschöpft. Im Februar 1985 wurde J.Onißeit aufgrund seines Anfang 1984 gestellten Ausreiseantrages  nach Westberlin entlassen. Dort begann er 1986 an der "Schule für Erwachsenenbildung" im Herbst 1986 das Abitur, was er später abbrach.

Thomas Onißeit, geboren 1964. Verpflichtete sich zu einer Laufbahn als Berufsoffizier, um einen Abiturplatz zu bekommen. Als er das Abitur trotzdem nicht absolvieren durfte, verabschiedete er sich von seinen einstmaligen
realsozialistischen Karriereplänen und wurde zunehmend "negativ-dekadent (Stasi-jargon). Wegen einer nächtlichen Sprühaktion, bei der er zusammen mit einigen anderen Weimarer Jugendlichen staats-,kriegs- und sinn-negierende Parolen an die Fassaden Weimarer Gebäude sprayte wurde er wegen Rowdytum im Frühjahr 1984  zu mehreren Monaten Haft verurteilt, die er in der Untersuchungshaft absaß.  Nach Verbüßung seiner Haftstrafe arbeitete er als Fließbandarbeiter im Uhrenwerk, da ihm Qualifikationsmöglichkeiten durch das Stigma der Haft verwehrt blieben. Während dieser Zeit Mitte 1984 bis Mitte 1985 beteiligte er sich an diversen künstlerischen Aktivitäten wie Performances und Super8-Filmen. Im Herbst 1985 siedelte er im Zuge eines Monate zuvor gestellten Ausreiseantrages nach Westberlin über. Dort begann er 1986 an der "Schule für Erwachsenenbildung" im Herbst 1986 das Abitur, was er später abbrach.

Frank Willmann, geboren 1963. Ausbildung als Maschinenschlosser,  1981/82 nach Ausstieg aus aeinen bisherigen Lebensvorstellungen tätig als Altenhilfspfleger und in der Weimarer  anarchoiden Subkultur. Anfang 1984 Übersiedlung nach Westberlin. Dort begann er 1986 an der Westberliner Schule für Erwachsenenbildung das Abitur, was er später abbrach.

Wolfram Hasch, geboren 1963. 1981 Lehr-Abbruch als Kaufmann. Anschließend
tätig als Altenhilfspfleger. In dieser Zeit  begann auch die Kamera-Überwa-
chung seines Zimmers durch das Ministerium für Staatssicherheit. Im Januar 1984 wegen Flugblättern mit Aufruf zum Wahlboykott zusammen mit 3 Freunden verhaftet. Im Juli 1984 wegen den Flugblättern sowie eines in der Westberliner "tageszeitung" veröffentlichten Textes zu 30 Monaten Haft verurteilt wurde er im Januar 1985 in die BRD entlassen, von wo aus er nach Westberlin zog.  Dort begann er 1986 an der "Schule für Erwachsenenbildung" das Abitur, was er durch seine Haft abbrechen mußte und nach Haftentlas-
sung  nicht mehr fortsetzte.

Frank Schuster. Geboren 1964. Handwerkliche Berufsausbildung. Unterwegs in Weimars anarchoider Subkultur. Anfang 1985 nach Westberlin ausgereist, wo er später an der "Schule für Erwachsenenbildung" das Abitur begann, was er später abbrach.

Bedauerlich ist im nachhinein, daß bei der Gewinnung möglicher Teilnehmer 
keine öffentlichen Aufrufe an diversen Orten ausgehängt wurden. Durch solche zur Teilnahme einladenden Bekanntmachungen hätte sich die Teilnehmerzahl  erhöhen können, wodurch das anvisierte Ziel hätte schneller erreicht werden als auch die spätere Mythenbildung von der Ex-Weimarer Künstlergruppe hätte vermieden werden können.  Angesichts des inzwischen bekannten Ausmaßes der Staatssicherheits-Infiltration des Westberliner öffentlichen Lebens war es im nachhinein betrachtet dann doch besser, daß diese Möglichkeit damals nicht wahrgenommen wurde.
 

Vorbereitungen

Die Vorbereitungen zur Aktion waren geprägt durch zwei Aspekte. Zum einen war sie zwar als im weitesten Sinne Kunst-Aktion gedacht, insofern der Strich als symbolisch-abstraktes Zeichen auftreten würde und sich die Protagonisten als freie künstlerisch tätige Personen verstanden, aber aufgrund der sponta-
neistischen Einstellung der Teilnehmer war man von künstlerische Konzept-
Aktionen kennzeichnender Logistik weit entfernt. Weder wurden Besonder-
heiten einiger Mauerbereiche ( in Kreuzberg war es das an die Mauer gren-
zende Betriebsgelände des Springer-Verlages, welches den Zugang zur Mauer verwehrte) noch die Realität der kleinen, den Ostberliner Soldaten Zugang zur Westseite der Mauer verschaffenden Türchen oder andere Grenzposten-Zu-
griffsmöglichkeiten erörtert. Auch der Umgang mit eventuell auftretenden Me-
dien wurde nicht thematsiert. Ebensowenig wie derjenige mit möglichen hefti-
gen Provokationen von Passanten oder wütendem Widerstand von Malern, deren Bilder durchgestrichen werden würden. Auch mögliche Ermittlungs-
strategien des MfS wurden nicht in Betracht gezogen. Als später bei der Aktion eine Fotografin hinzustieß, konnte sie auch Fotos in Situationen machen, in denen die Gesichtsmaskierung abgelegt wurde, weil eine optische Anonymisierung  an manchen Orten nicht nötig war. Niemand der Maler dachte damals daran, daß diese Fotografin durchaus vom Ministerium für Staats-
sicherheit geschickt worden sein könnte.


Gipsbinde aus einer Apotheke. Die Binde wurde in 20 bis 25cm lange Teile zerschnitten, von denen dann mehrere in Wasser getaucht und feucht über das Gesicht gelegt wurden, bis es
ganz bedeckt war. Nach einigen Minuten war die Maske trocken und konnte abgenommen
werden.     (Foto W.Hasch)

Neben der für ernsthafte Kunstaktionen untypischen Mangel-Logistik kam noch hinzu, daß eine zeitlang unklar blieb, wieviele Personen tatsächlich daran teil-
nehmen würden, sodaß bestimmte Entscheidungen zunächst offen bleiben mußten, etwa diejenige darüber, ob man die Berliner Mauer vielleicht sogar ganz weiß anmalt, um sie als Grenze Westberlins noch deutlicher zu machen. Als sich aber die Teilnehmerzahl dann als höchstwahrscheinlich im einstelligen Bereich bleibende heraustellte ließ man von dieser Idee ab. Farbmaterial und zeitlicher Malaufwand beim Weißen der gesamten Berliner Mauer waren von fünf Personen mit der freien Zeit und den finanziellen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, eindeutig nicht zu bewältigen.


Gesichtsmaske aus Gipsbinden-Stücken. Nach dem fertigen Gesichtsabdruck wurde die
Maske noch mit Gips stellenweise verformt und anschließend bemalt.   (Foto: W.Hasch)

Sich "die Mauer" einverleiben

Man kann bei der Strich-Aktion von einer doppelten Grenzerfahrung sprechen:
die Erfahrung der territorialen Grenze und die des eigenen Körpererlebens. Denn eine weitere Absicht während der Malaktion war es, sich am Ende eines Maltages nicht nach Hause zu begeben, sondern um der Totalität des Ak-
tions-Erlebens und auch der der Erfahrung der Mauer und ihrer Umgebung willen während der gesamten Aktions-Tage in der Nähe der Mauer zu über-
nachten.  Dazu bedurfte es kaum Vorbereitungen außer das Bereitstellen von Zelten, wohingegen die beabsichtigte Gesichtstarnung tatsächlich eine intensivere Vorbereitung erforderte. Die Grenzposten sollten unter keinen Umständen Fotos von den Gesichtern der Mauermaler machen können, denn dann war im Falle der durch diese Fotos ermöglichten Personenidentifizierung ein Verbot der Nutzung der Transitstrecke, die von Westberlin durch die DDR in die  Bundesrepublik führte zu befürchten. Für Reisen außerhalb Westberlins wäre dann nur noch das damals vergleichsweise teure Flugzeug als Trans-
portmittel infrage gekommen. Also mußte das Gesicht maskiert werden. Die in Apotheken erwerbbaren Gipsbindenrollen wurden in etwas mehr als die Ge-
sichtsbreite bedeckende Streifen geschnitten, in Wasser getränkt und an-
schließend auf das Gesicht gelegt, daß vorher eingecremt wurde, damit der Gips, sobald er getrocknet war, nicht an der Gesichtshaut haften blieb. Nach-
dem die Maske nach ein paar Minuten getrocknet war, konnte man sie ab-
nehmen und hatte einen markanten Gesichtsabdruck der Person. Im Falle der Nutzung während der Strichaktion wäre dieser Abdruck aber möglicherweise  zu markant, denn eine solche Maskierung mit der eigenen Gesichtsform konnte den DDR-Grenzposten und der Staatssicherheit eventuell genug Anhaltspunkte liefern, um die Identität der Person herauszubekommen. Dem konnte man da-
durch begegnen, indem die Maske noch mit zusätzlich angerührter  Gipsmasse überformt wurde, sodaß am Ende eine teils horroresk, teils clownesk anmuten-
de Maskenform dabei herauskam, dessen lustiges Erscheinungsbild von Grenz-
posten und MfS später als antisozialistisch boshaft interpretiert wurde. Zu dem pragmatischen Aspekt der Masken-Herstellung und Verfremdung gesellte sich der des Spaßes beim freien Formen dieser bizarren Masken. 

Die Aktion

Am Morgen des 3.November fanden sich die Strich-Akteure bei den Brüdern Onißeit ein, die zusammen mit Jürgens Frau Anett und deren Sohn am Ma-
riannenplatz 5, zweihundert Meter schräg gegenüber vom Künstlerhaus Bethanien wohnten, von wo aus die Strich-Aktion starten sollte.

Die nötigen Utensilien (Farbe, Pinsel, Getränke, Zelte, Schlafsäcke) wurden auf den Wagen gepackt und daraufhin liefen alle auf dem Mariannenplatz-Weg
entlang Richtung des für den Aktions-Beginn gewählten Zielortes. Kaum dort angekommen begann Jürgen Onißeit im Beisein der anderen Beteiligten eine Erklärung zur Aktion an die Mauer zu schreiben. Da niemand der vier anderen wußte, was J.Onißeit  genau schreiben würde war mit dem Verfolgen seiner Tätigkeit eine gewisse Überraschungserwartung verbunden, deren Resultat sich mit jedem weiteren geschriebenen Wort in der Vorstellung zu konkre-
tsieren schien, sofern man dem Vorgang folgte. Als Jürgen O. seinen Text beendet hatte stand da nun über dem von ihm begonnenen weissen Strich geschrieben:

Dieser Strich wird als Markierung des Berliner Raums neu vollzogen, um die Mauer rundherum als Ghettowall bloßzustellen !

Auf den ersten Blick mutet der Satz in seiner Ausdrucksweise holprig an, aber bei genauerem Hinsehen ist es eigentlich nur das vor dem Wort "vollzogen" ("gezogen" wäre besser ausgedrückt) stehende Wort "neu", welches der gan-
zen Erklärung eine umständliche und sprachlich primitive Erscheinung verleiht, weil man sich fragt, wie und vor allem warum ein Strich, der sich an dem in der Erklärung gemeinten Platz (also der Berliner Mauer) bisher noch gar nicht be-
findet, n e u  vollzogen werden soll. Diese Unklarheit  läßt sich in zwei Rich-
tungen aufklären, wobei die folgenden Erläuterungen eine gewisse Toleranz für kleindetailige Erwägungen voraussetzen.
Wenn die Betonmauer für Jürgen Onißeit identisch mit der Grenzlinie gewesen ist, dann bedeutet ein Strich auf dieser Mauer eine Re-Markierung (Neu-
Vollziehung) dieser durch die Mauer verkörperten Grenzlinie, welche durch Graffitis, Sprüche und Malereien unkenntlich gemacht (de-markiert) worden ist. Die zweite Interpretation: Wenn die fünf Meter vor der Westmauer befindliche unsichtbar verlaufende, aber amtliche Grenzlinie für ihn zwar die offizielle Grenze gewesen ist, aber er diese nicht als die reale physische für die Westberliner Einwohner ansah (denn die reale war für ihn die, welche durch die Berliner Mauer erzwungen wurde), so bedeutet Neu-Vollziehung bzw. Re-Markierung des Grenzstrichs Veränderung. Veränderung von dessen Position von der fünf Meter vor der Mauer befindlichen, unsichtbaren Grenze auf die reale materielle Grenze der Berliner Beton-Mauer. In diesem Falle würde die spätere Behauptung der Staatsanwaltschaft der DDR , die Strich-Maler hätten die Grenze zwischen Ost- und Westberlin zugunsten Westberlins Erweiterung um fünf Meter an die Mauer verschieben wollen eine gewisse Berechtigung haben. Das allerdings nur, wenn man unberücksichtigt läßt, daß es sich bei der Aktion lediglich um die Verdeutlichung der sowieso bereits bestehenden realen physischen Grenze durch die Mauer handelte und die 5-Meter DDR-Territorium auf der Mauerwestseite von Westberlinern ohnehin permanent genutzt wurden, ohne daß sie dafür als Grenzverletzer vefolgt wurden, welche gar die Grenzen zugunsten Westberlins verschieben wollen.

                                                                                                                                                  Foto: J.Onisseit

Das von Jürgen Onißeit mach dem Schreiben der Erklärung gemachte Foto
seines Textes wurde später in einer von den nach meiner Verhaftung übriggebliebenen vier Mauermalern gefertigten  Dokumentationsbroschüre veröffentlicht, weil die Erklärung zentrale Bedeutung für die Dokumentierung hatte.  25 Jahre später wurde es in dem von Frank Willmann und seiner Co-
Autorin Anne Hahn produzierten Buch "Der weisse Strich" nicht veröffentlicht, obwohl es für ein Medienprodukt, daß  en detail auschließlich diese Aktion zum Gegenstand hat, ein nicht unbedeutendes Dokument ist, daß auch gegen den 
Wunsch eines der Beteiligten zumindest als ein Ereignis innerhalb der Aktion, wenn schon nicht als maßgebliches veröffentlcht werden sollte. Autor Frank Willmann hat sich nicht nur an der Ausdrucksweise gestört, die -wie oben gezeigt-  beim genaueren Hinsehen weniger "prollig" ist als wie er zur Begründung seiner Zensur angegeben hat. Offenbar hat ihn auch der Gehalt der Erklärung selbst gestört, denn aus ihr geht jene popularisierungsförderliche Motivlage des weissen Strichs als angebliches  Erinnerungszeichen an das Unrecht auf der Ostseite der Mauer nicht hervor. Eine Motivlage, die bereits 1986 ausschließlich von den Medien kolportiert und 2010 bei der neuerlichen medialen Thematisierung wiederholt wurde und am eigentlichen, in J.Onißeits Erklärung unmißverständlich vermittelten Sinn völlig vorbeigeht. Jener Sinn, für dessen Symbolisierung er versucht hat, Mitwirkende für diese Aktion zu ge-
winnen.
 

Strich zu Strich

Nach Beginn des Stricheziehens stellte sich schnell eine sehr unkomplizierte Vorgehensweise ein. In Abständen von fünf bis zehn, manchmal auch mehr als zehn  Metern versah man einen jeweils noch strichfreien Mauerbereich mit dem Strich und sobald man an den Startpunkt des vor einem gemalten Strichab-
schnitts seinen Strich angeschlossen und somit beide Strichabschnitte ver-
bunden hatte, lief man weit vor und suchte sich einige Meter vor dem ak-
tuellen "Anführer" des Strichs einen eigenen Startpunkt, war nun also der neue "Anführer", an dessen Startpunkt der bisherige seinen Strich schließlich anfü-
gen konnte, während man selbst bald wieder automatisch in die nachrangige Position versetzt wurde, sobald einer mit seinem Strichabschnitt fertig war und nach ganz vorn aufrückte, um einen neuen Anschnitt zu beginnen. 

Auf der Strecke vom Mariannenplatz bis zum Leuschnerdamm gab es keine irgendwie nennenswerten Passanten- Reaktionen. Mit Jürgen Onißeits Foto-
apparat wurden noch ein paar Fotos gemacht.
 

Die Westberliner Polizei informiert

Am Leuschnerdamm kam es dann zu zwei ersten ernsthaften Außenreaktionen.
Zum einen beklagte sich eine mauermalende Frau über die Zerstörung ihres
Bildes, zum anderen tauchte die Westberliner Polizei auf, die darauf hinwies, daß sich in der Mauer kleine Türchen befinden, durch die die Grenzposten der DDR hindurchschlüpfen können. Im Falle einer Festnahme sei im Höchstfall  mit zwei Wochen Untersuchungshaft zu rechnen fügten sie auf entsprechende Anfrage hinzu. Von angeblicher Mäßigungsabsicht der Polizei, wie es auf Spie-
gel.de zu lesen ist konnte keine Rede sein. Die Polizei gab uns die Informatio-
nen über die Mauertürchen und die uns bereits bekannte Tatsache der zur DDR gehörenden 5-Meter-Zone vor der Westmauer, unterrichtete uns über mögliche Konsequenzen im Falle einer Festnahme und verabschiedete sich.

Eine Fotografiestudentin taucht auf

Minuten nach dieser aufschlußreichen Begegnung mit der Polizei gab es eine weitere Reaktion auf die sich durch unser Tun bietende Szenerie. Eine Frau, die Fotografie studierte und, um praktische Erfahrungen beim Fotogra-
fieren zu sammeln, nach diversen Motiven durch Kreuzberg stöberte, fühlte
sich von unserer Aktion offenbar zum Fotografieren motiviert. Seit sie mit dem Fotografieren begonnen hatte, kam Jürgen Onißeits Fotoapparat nicht mehr zum Einsatz. Ich erinnere keinerlei mit der Fotografin besprochene Vereinba-
rungen über Foto-Nutzungen, da ich mich nur für ein "Hallo" vom Malen hatte unterbrechen lassen. Alsa naheliegnd kann ich mir jedoch vorstellen, daß wir der Fotografin erklärten, daß sie uns im Falle von Veröffentlichungsabsichten vorher fragen solle. Daß wir aber die Fotografin fragten, ob wir die Bilder, egal 
in welchem Rahmen und  in welcher Größenordnung ohne jede Anfrage und Honorierung jederzeit verwenden könnten scheint mir angesichts unserer 
geringen Veröffentlichungsabsichten eher unwahrscheinlich. 

Es handelte sich bei unserer Aktion ja nicht um eine auf Medialität setzende oder darauf spekulierende Kunstaktion, bei der Honorarvereinbarungen und Verwertungsrechte irgendeine Rolle spielten. 

25 Jahre später hat sich unter dem starken Tobak der aufgeblasenen Histo-
risierung  der Strich-Aktion die Situation geändert. Nicht nur fiel Jürgen Oni-
ßeits Mauerstricherklärung wie oben erwähnt unter den Tisch, auch sprach man nun nur noch von Kunstaktion, in Kunst gekleidetem Protest, mitunter sogar von  bahnbrechendem Kunstwerk, gar Monument. In dieser nachträglich aufgeblasenene Bedeutungsgewichtigkeit  hatte es nun angeblich eine Ab-
sprache über die uneingeschränkte öffentliche Nutzung der Fotos durch die Künstler gegeben. Als hätte damals vor meiner Inhaftierung die große Öffentlichkeit überhaupt eine Rolle in den Erwägungen gespielt.

Kontakt mit der Tageszeitung  "BZ"

Wie sehr diese mediale Kultivierung dem damaligen "Geist" der Aktion wider-
sprach, zeigt bereits die nächste Reaktion auf die Tätigkeit der fünf Maler. Sie bestand in dem Versuch zweier Journalisten von der Berliner Tageszeitung "BZ" ("Berliner Zeitung"), mit den Strichmalern ein Interview zu führen. Mit Aus-
nahme von Thomas Onißeit, dessen insbesondere künstlerisches Mitteilungs-
bedürfnis seinerzeit erheblich war, sobald man ihm die von ihm erwünschte  Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, lehnten die Strichmaler es ab, den Journa-
listen Rede und Antwort zu stehen, weil der Kontakt zu Medien gar nicht beabsichtigt gewesen ist, da grundsätzlich kein Interesse daran bestand. Hinzu kam bei der mehrheitlichen Verweigerung gegenüber den Herren von der "BZ" noch, daß sie von dem Verlag kamen, der Minuten zuvor auf unsere höfliche Anfrage hin untersagt hatte, ihr Gelände zu betreten, welches direkt an die Berliner Mauer angrenzte und daher zur Fortsetzung des Strichs zu begehen nötig wurde. So wenig kooperativ sie sich in dieser Hinsicht zeigten, so sehr waren sie es, wenn es um die Verfolgung ihrer eigenen Ziele ging. Immerhin ist das Auftauchen der BZ-Journalisten ein Zeitzeugnis für den unspektakulären Charakter der Aktion, denn obwohl das Interview mit. T.Onißeit mittags und also noch vor Redaktionsschluß geführt wurde fand man am 4.11.86 in dieser Zeitung keine Notiz über die Aktion. Die Thematisierung in diesem Blatt erfolgte erst am 5.11., dem Tag nach meiner Festnahme. Statt die Mauer auf dem Betriebsgelände des Axel-Springer-Verlages zu bemalen wurde nach der Zutrittsverweigerung des Verlages der Strich auf dem Boden um das Springergelände herum gezogen, denn die reale physishe Grenze für den Westberliner Bewohner war hier also die durch das Verlagsgelände Springers festgelegte, was wiederum deutlich macht, wie erstrangig die Markierung der dem Westberliner Einwohner gesetzten physischen Grenze  war, egal durch welches Objekt diese Grenze jeweils real wurde.

Für diese Strichziehung am Boden sollte eine saftige Geldstrafe fällig werden, wurde aufgrund der späteren dramatischen Ereignise der DDR-Inhaftierung aber fallengelassen und gewissermaßen in Form eines erstklassigen Schlag-
zeilen-Aufmachers abbezahlt, über den in diesem Text weiter unten noch berichtet wird.


Vor Beginn des Springergeländes zweigten wir den Strich von der Mauer zum Boden hin ab, weil die Verlagsbonzen uns nicht auf ihr Gelände ließen, an dessen einer Außenseite sich 
die Berliner Mauer befand und wir keine Möglichkeiten hatten, außerhalb des Springer-
geländes an dieses Stück Mauer zu gelangen. Der Strich wurde deshalb auf dem Geh-
weg komplett um das Gelände gezogen. (Foto:Grepo-Wachturm-Foto, MfS-Unterlagen)
 

Checkpoint Charly

Westberliner Polizei, wütende Malerin, Fotografin, BZ-Jornalisten, die wenigen Reaktionen, die es bisher gegeben hatte waren allesamt "nicht ohne" gewesen. Noch weniger war es eine weitere Reaktion, welche beim Überqueren des Grenzübergangs Checkpoint Charly erfolgte. Beim Übermalen des offiziellen weissen Grenzstrichs, der sich am Checkpoint Charly direkt auf dem Boden der Straße befand versuchten DDR-Grenzposten, Frank Schuster in den Osten zu ziehen, was ihnen jedoch mißlang. Das Problem war dadurch entstanden, 
daß der auf dem Boden befindliche Grenzstrich in kompletter Breite zum DDR-
Territorium gehörte und ein Übermalen nicht nur als ein Eindringen auf das Hohheitsgebiet der DDR angesehen werden konnte, sondern damit auch alle Rechte zu einer Festnahme bot. Nachdem zu den Informationen der Westber-
liner Polizei nun dieser Zwischenfall hinzugekommen war gab es fortan keinen Zweifel darüber, daß im ungünstigen Fall ein Transitverbot nicht die drastischste Konsequenz der Aktion sein könnte.


Raucherpause. Nach erfolgreicher Nachzeichnung des offiziellen Grenzstrichs auf dem Strassenboden der Grenzübergangsstelle Checkpoint Charly gönnen sich T.Onißeit (siehe
den kuriosen Pfeil des Straßenschildes in der Bildmitte) und ich eine Zigarette.Während des  Strichziehens wurde nicht geraucht, da die Hände für das Halten von Eimer und Pinsel benö-
tigt wurden. (Foto: Grepo-Protokolle)

Dieser Zwischenfall hatte sich am Nachmittag ereignet. Wir setzten nach einer zunächst nur kurzen Pause unsere Tätigkeit nach Passieren des Checkpoint Charly nun wieder direkt auf der Mauerfläche fort und machten dann auf Höhe Stresemannstraße hinter einem -Sichtschutz vor Grepos gewährenden- Bau-
wagen eine grössere Pause, während der die Fotografin einige Fotos schoß. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt die Maske auf. Keiner zog in Erwägung, daß die Fotografin durchaus hätte vom MfS geschickt sein können. Dem ost-
deutschen Geheimdienst wäre es ein leichtes gewesen, einen seiner Mitarbei-
ter auf uns Strichmaler anzusetzen, um deren Identität herauszubekommen oder gar, sie auf irgendeine Weise an der Fortführung ihrer Tätigkeit zu hin-
dern. Nach Ende der Pause setzten wir in Begleitung der einsetzenden Däm-
merung  unsere Arbeit Richtung Potsdamer Platz fort, den wir erreichten, als es dunkel geworden war. Wir bauten die Zelte auf, tranken und redeten. Später verabschiedete sich  Frank Schuster, da er wegen eines Termins am frühen Morgen die Nacht nicht im Zelt verbringen konnte.

4.11.1986

Am nächsten Morgen verabschiedete sich auch noch Thomas Onißeit wegen einer Führerscheinstunde vorübergehend von der Gruppe, sodaß  die Strich-
Arbeit zunächst zu dritt fortgeführt werden mußte. Wir hatten im Tiergarten gezeltet und mußten zurück zum Potsdamer Platz, wo wir am Vortag  mit dem weißen Strich aufgehört hatten. Dort begann  auch der eine Zaunflügel des 
Lenné-Dreiecks, einem verwilderten auf Westseite der Mauer noch zu Ostberlin gehörenden, gewissermaßen aus der Westmauer herausragenden Bereich von schätzungsweise mindestens 150x 150x 150 Metern. Während Jürgen Onißeit den Utensilien-Wagen durch den Tiergarten und fernab der Mauer Richtung Brandenburger Tor schob, setzten am Morgen des 4. 11. 1986 nur Frank Willmann und ich das Strichziehen fort. 

Als wir auf der Tiergartenseite des Lenné-Dreiecks dessen Zaun anmalten kam uns ein männlicher Berliner Bürger entgegen, der verständlicherweise offenbar nicht nachvollziehen konnte, daß Menschen den Metallzaun eines vernachläs-
sigten Ostberliner Wildwuchs-Biotops mit einem weißen Strich anmalen. Mit den Worten "Ihr solltet lieber einer alten Frau das Badezimmer streichen." 
ließ er uns seine Meinung über unser Tun wissen. Vielleicht war es  angesichts dessen, was sich Minuten später ereignete, mehr noch als ein Kommentar vor allem eine unbeabsichtigte Warnung. 


 (Foto ©  Stefan Micheel ) 
Mauer am Potsdamer Platz: links ab Mauersegmentende  der Anfang des  Metallzaun des an die Mauer angrenzenden Lenne-Dreiecks, welches auf der Westseite der Mauer zum Territorium Ostberlins gehörte. (Foto-Copyrigt Stefan Micheel )

Weiter mit Festnahme


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