Klärungen  Kleine Korrekturensammlung, angeregt durch bisherige öffentlche Informationen
 
 

                    Diverse Aspekte zur Aktion des weissen Strichs
 

                           Die Künstlergruppe

                             Die in dem Buch "Der weisse Strich "(Hahn/Willmann, Berlin 2011) von einem der Autoren verbreitete Information,
                         bei der Aktion des weissen Strichs handelte es sich um das Projekt einer seit längerer Zeit existierenden Künst-
                         lergruppe entspricht nicht der Realität. Eine solche Künstlergruppe existierte nicht, sodaß auch die im gleichna-
                         migen Buchbehauptete Auflösung dieser Gruppe nicht stattfand. Von den fünf  Strichmalern agierten drei davon
                         ( zusammen mit zwei anderen der für die Strichaktion zur Teilnahme eingeladenen Personen) auch noch lange
                         nach der Aktion des weissen Strichs künstlerisch zusammen. Bezeichnender Weise spricht in obengenannter
                         Publikation sonst niemand der interviewten Protagonisten von einer Künstlergruppe. Aktionsteilnehmer Thomas
                         Onißeit wählt in seinen Interview-Aussagen für die fünf Strichmaler die Bezeichnung Mauerstrichgruppe und
                         verweist damit auf die allein durch die Strichaktion vorübergehend bestehende und ausschließlich auf diese be-
                         zogene Gruppenexistenz.

                      Zweck des weissen Strichs...

                         ...war es, im Rahmen einer intensiven Expedition und Exkursion an Berlins Mauer die durch diese Mauer bewirkte
                         Ghettoisierung Westberlins auszudrücken. Priorität hatte dabei die Markierung der materiellen, physischen Grenze
                         Westberlins, wie sie sich für die äußeren, städteräumlichen Fortbewegungsmöglichkeiten seiner Einwohner dar-
                         stellte. Bei dieser Markierungstätigkeit wurden zugleich die an der Mauer befindlichen und deren einschränkende
                         Existenz verharmlosenden Malereien und Graffitis durchgestrichen. Die mahnende  Erinnerung an Todesstreifen
                         und Unrechtsstaat DDR war entgegen der massiven medialen Behauptungen damit nicht verbunden. Auch han-
                         delte es sich nicht um einen Ausdruck des Protestes, sondern den Versuch einer  Bewußtmachung. Nach Auf-
                         fassung der Strichakteure wurde die durch die Berliner Mauer bewirkte Begrenzung Westberlins durch Gewohn-
                         heit an ihre Existenz und durch ihre Umfunktionierung als Plattform für Kreativität häufig nicht mehr als die
                         drastische Begrenzung wahrgenommen, welche sie seinerzeit gewesen ist.
                         " Wir möchten hiermit ganz klar richtigstellen, daß sich unsere Aktion nicht gegen das Vorhandensein der Mauer
                         richtet, sondern daß wir die Mauer als historische Gegegbenheit akzeptieren und mit dieser Aktion den Charakter
                         der Mauer ungeschminkt erneut herausstellen wollten. " (Aus einer Erklärung der Strichmaler, der hier zitierte
                         Bereich wurde in dieser Erklärung als besonders relevant hervorgehoben).
                         Die Idee zur Aktion war eine spontan entstandene von Jürgen Onißeit und nicht die Konsequenz einer andauern-
                         den Beschäftigung der fünf Protagonisten mit der Berliner Mauer. Daher finden sich in ihren künstlerischen Pro-
                         duktionen aus dieser Zeit auch keine Aussagen über die Berliner Mauer und das politische System der DDR.
                         Aktionsinitiator Jürgen Onißeit hat mit der Idee, die Ghettoisierung Westberlins durch einen weissen Strich zu
                         verdeutlichen Teilnehmer für sein Vorhaben zu gewinnen versucht und den Aktionsgrund dann auch in seiner an
                         die Mauer geschriebenen Erklärung Passanten zugänglich gemacht. Andere Gründe können dann lediglich zu-
                         sätzliche individuelle sein, haben aber mit dem zur Teilnahme motivierenden Zentralmotiv nichts zu tun und
                         können daher im nachhinein auch nicht zu einem solchen erklärt werden.
 

                            "Vermächtnis" des weissen Strichs

                           Der aktionsübergreifende, weiterführende Sinn des weissen Strichs bestand nicht darin, an anderen aus politischen
                         Gründen errichteten Mauern Striche zu ziehen und gegebenfalls vorhandene Malereien demonstrativ durchzustrei-
                         chen, wie am Ende des Films  "Striche ziehen" durch eine Analogie mit einem Mauerstrich an der israelisch-palä-
                         stinensischen Grenzmauer suggeriert wird. Ein solches Beispiel engt die Bedeutung des weissen Strichs auf de-
                         monstrative Striche auf politische Trennmauern ein.
                         Wenn der weisse Strich an der Berliner Mauer über seine singulare Absicht hinaus überhaupt einen weiterführen-
                         den und tieferen Sinn hatte dann den, Sachverhalte zu re-realisieren und in das Bewußtsein zurückzurufen, wel-
                         che durch bestimmte Ereignisse, Zweckentfremdungen, Alltagsgewöhnungen und Kaschierungen verzerrt, in ihrem
                         tatsächlichen Wirkungsausmaß disproportioniert und de-realisiert wurden oder in der Wahrnehmung verschwanden.
 
 

                   Teilnehmer-Auswahl

                Die Auswahl möglicher Aktionsteilnehmer war grundsätzlich nicht auf eine bestimmte Herkunft und Angehörigkeit
                       (DDR- oder BRD-gebürtig. Herkunft Weimar oder nicht, deutsch, nichtdeutsch, Mann, Frau ) beschränkt. Priorität
                       hatte aufgrund des zu erwartenden zeitlichen und finanziellen Aufwandes die möglichst hohe Zahl an Teilnehmern,
                       wobei sich die Anwerbung auf den Freundes- und Bekanntenkreis beschränkte..
                       Die nachträgliche Reduktion der Teilnehmerauswahl auf eine aus der DDR-Kleinstadt Weimar stammenden Künst-
                       lergruppe von fünf ehemaligen DDR-Opponenten soll um der für die DDR-Aufarbeitung tauglicheren Geschichte
                       willen die Aktions-Motivierung auf eine  politisch-biographische, herkunfts- und szenebedingte focussieren.

                   Festnahme

                             In dem im Tiergarten befindlichen Mauerbereich zwischen dem zur DDR gehörenden, an die Westseite der Berliner
                       Mauer angrenzenden Lennedreieck und dem Brandenburger Tor hatten sich am Morgen des 4.11.86 3 Grenzposten
                       der DDR im Dickicht des noch zum DDR-Territorium gehörenden Anfangsbereichs des Tierganrtens versteckt, um
                       auf das zu erwartende Eintreffen der strichziehenden Akteure zu warten. Da sich Frank Schuster, Jürgen und Tho-
                       mas Onißeit zu dieser Zeit nicht an der Mauer befanden kamen als potenzielle Festnahmeobjekte nur Frank Will-
                       mann und Wolfram Hasch infrage. Da die Mauermaler jeweils in Abständen von 7 bis 10 Metern ihren Strich zogen
                       mußte einer von ihnen als erster die Höhe des Grenzpostenverstecks erreichen. Es war Wolfram Hasch. Frank Will-
                       mann, durch die nach Hervortreten der Grepos plötzlich entstandene Situation gewarnt konnte fliehen, der zwi-
                       schen Mauer und unmittelbar vor ihm stehenden Grenzposten eingeschlossene Hasch wurde festgenommen. Nach
                       zweimonatiger Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen wurde er im Januar 1987 wegen Grenz-
                       verletzung  zu 20 Monaten Haft zuzüglich einer 18monatigen Reststrafe verurteilt, wurde aber bereits im Mai 1987
                       wieder nach Westberlin entlassen.
 
 

                         A n d e r e   A s p e k t e
 

                          Scheinabiturienten

                Anders als bisher verbreitet haben die fünf Strichmaler sowie zwei weitere für die Aktion erfolglos angeworbene
                        Bekannte Jürgen Onißeits die Westberliner "Schule für Erwachsenenbildung" nicht bloß deshalb besucht, um
                        Bafög-Geld und ehemaligen DDR-Bürgern gewährten Bildungs-Zuschuß zu kassieren und dabei von vornherein
                        nicht die Absicht gehabt, das Abitur nachzuholen. Diese Absicht bestand zunächst, wurde aber bei sechs der
                        sieben 1986 an dieser Schule angemeldeten Personen aus J.Onißeits zur Aktionsteilnahme angeworbenen
                        Freundeskreis aus unterschiedlichen Gründen ( z.B. Focussierung auf künstlerische Aktivitäten, Entschluß zu
                        einer Ausbildung oder auch, weil sich das speziell bei dieser freien Schule erforderliche Selbststudium zu-
                        nehmend als zu zeit- und disziplinaufwendig herausstellte ) abgebrochen.
                        Das spätere Aufgeben des Abiturziels wurde dann bei der medialen Thematisierung seit 2010 von Autor Will-
                        mann als bei allen Strichmalern von vornherein vorhandene Absicht nach auschließlichem Bezugs der Gelder
                        umgedeutet, möglicherweise deshalb, damit das Aufgeben der ursprünglichen, mindestens versuchsweise
                        bestehenden Abitur-Zielsetzung nicht eingestanden werden mußte. Grund für dieses befremdliche Nichtein-
                        gestehenwollen dürfte sein, daß biographische Brüche von Willmann/Hahn grundsätzlich als negativ beurteilt
                        werden. Nicht minder befremdlich ist auch das dramatische Bedauern über die Unmöglichkeit, in der DDR das
                        Abitur machen zu können, wenn die wenige Jahre später in Westberlin gebotene Möglichkeit zum Nachholen
                        des Abiturs auf dem Erwachsenenbildungsweg dann nur aus finanziellen Gründen und zum Schein wahrge-
                        nommen wurde.
 

                          SFE -  keine Schule für Mauerapologeten

                          An der Westberliner "Schule für Erwachsenenbildung" bestand keinesfalls Konsens über die antiimperialistische
                      Notwendigkeit der Berliner Mauer. Bei dieser Position handelte es sich nur um die einer Minderheit. Bekannt ist,
                      daß Schüler und Lehrer Kontakte in die ostdeutsche, der DDR kritisch gegenüberstehende Linksalternativ-Sze-
                      ne hatten und diese unterstützten. Beispielsweise besuchte ein Geschichtslehrer der SFE 1982/83 regelmäßig
                      die Subkulturszene Weimars.
 

                         Filmteilnahme W.Hasch an "Striche ziehen"

                         Auf die 2011 erfolgten Anfragen nach Teilnahme am Film "Striche ziehen" hat Wolfram Hasch nicht reagiert, weil er
                      -u.a. wegen des Weglassens eines relevanten Dokuments im Buch "Der weisse Strich"- nicht mit dessen Autor
                      Frank Willmann zusammen in einem Beitrag erscheinen wollte. Eine nach nochmaliger Anfrage 2013 mitgetelte
                      Absage der Teilnahme, verbunden mit dem Angebot, bei Bedarf zumindest mit Material, signierter MfS-Unter-
                      lageneinsichts-Zustimmung und schriftlicher Informationsauskunft zur Verfügung zu stehen nahm Regisseur
                      Kroske als Anlaß, Hasch unangefragt für den Film einzuplanen,  sodaß dieser den Kontakt abbrach. Die ihm be-
                      kannten Gründe von Haschs Filmteilnahmevereigerung hat Gerd Kroske auf entsprechende Anfragen hin nie
                      benannt.

                         Abschiebung

                       Keiner der fünf Strichmaler wurde aus der DDR abgeschoben. Alle hatten Ausreiseanträge gestellt, davon einer (W.
                       Hasch) aus dem Gefängnis heraus ( 1984 nach Verkündigung seines Urteils zu 30 Monaten Haft). Die Ausreise wur-
                       de zwar letztlich durch die repressiven Umstände provoziert, war aber nicht alternativlos, wie zahlreiche Beispiele
                       von DDR-Bürgern beweisen, die trotz Observierung, Lebensbeeinträchtigung und teilweise Haft jahrelang in der DDR
                       gegen die dortigen Verhältnisse opponierten.

                   Gefängnis

                       Drei der fünf Mauermaler saßen in der DDR im Gefängnis: Jürgen Onißeit  wegen Wehrdienstverweigerung. Er wurde
                       1983 nach 8 von 24 verhängten Monaten auf Bewährung in die DDR entlassen. Thomas Onißeit wurde wegen Fassa-
                       densprühereien  zu 5 Moanten verurteilt, die er bis April 1984 in der Erfurter MfS-Untersuchungsahafta absaß.
                       Wolfram Hasch wurde  wegen Flugblättern mit Aufruf zum Wahlboykott und einem in der Westberliner "tageszeitung"
                       veröffentlichten Artikel im Sommer 1984 wegen Beeinträchtigung staatlicher Organe und Nachrichtenübermittlung
                       zu 30 Monaten Haft verurteilt und im Februar 1985 aufgrund eines gestellten Ausreiseantrages nach 12 Haftmonaten
                       vorzeitig aus dem Gefängnis in die BRD entlassen.

                   Durch Haft gebrochene Freunde

               Zum Zeitpunkt von Frank Willmanns Ausreiseantrag war weder irgendeiner seiner wegen Fassadensprühereien in Un-
                       tersuchungshaft einsitzenden Freunde bereits rechtskräftig verurteilt worden noch die Mehrzahl seiner in der Vergan-
                       genheit angeblich zahlreich inhaftierten Freunde  psychisch gebrochen aus dem Gefängnis zurückgekommen. Die zum
                       Zeitpnkt seines im Spätherbst 1983 gestellten Ausreiseantrages 4 inhaftierten Personen wurden entgegen von Will-
                       manns Aussagen im Film "Striche zienen"erst Anfang 1984 verurteilt. Auch waren, als er diesen Antrag zur Staatsbür-
                       gerschaftsentlassung stellte bis dahin lediglich zwei seiner Freunde überhaupt in Haft gewesen und inzwischen wieder
                       entlassen worden. Keiner dieser beiden kam psychisch gebrochen aus der Gefängnis.
 

                          Pik Ass
                       Das von Frank Willmann in seinem Buch "Der weisse Strich" erwähnten Gedichtband, an dem er und u.a. drei Strich-
                       maler beteiligt waren hatte den Titel "Pik7" und nicht "Pik Ass". Die Bedeutung beider Titel ist komplett differierend.
                       An der Fertigstellung des Bandes waren entgegen Willmanns Information alle der darin veröffentlichenden Westberliner
                       beteiligt.
 

                         Zurück